Die regulierende Wirkung des Qigong auf das Nervensystem
Beobachtungen z.B. mit dem Elektroenzephalogramm (EEG) und die Analyse biochemischer Veränderungen im Zentralnervensystem haben gezeigt, dass sich die Großhirnrinde beim In-die-Ruhe-Treten in einem besonderen aktiven Prozess der inneren Kontrolle befindet. Das In-die-Ruhe-Treten ist das Fundament für alle Qigong-Übungen und hat eine regulierende Wirkung auf geistige und nervliche Funktionen.
Dabei spielen sich zunächst ähnliche Prozesse im Zentralnervensystem ab wie beim Schlaf und in Hypnose: Auch beim Qigong treten Delta-Wellen (wie in der Tiefschlafphase) und Theta-Wellen (wie bei Trance und in den leichten Schlafphasen) auf. Die Alpha-Wellen, sie treten bei geschlossenen Augen im Zustand entspannter Wachheit auf, gehen beim Schlafen und in Hypnose zurück – beim In-die-Ruhe-Treten jedoch nicht. Vielmehr stabilisiert sich dabei ihr Rhythmus bei leicht gesenkter Frequenz. Die Aktivität des Sympathikus wird abgeschwächt. Als Teil des vegetativen Nervensystems erhöht der Sympathikus die nach außen gerichtete Handlungsbereitschaft (fight or flight, kämpfen oder flüchten). Gleichzeitig nimmt beim Qigong die Aktivität des Parasympathikus („Ruhenerv“) zu. Durch Qigong kann „eine bessere Balance zwischen Sympathicus und Parasympathicus erreicht werden“. Das Nervensystem arbeitet gewissermaßen in einem Modus, in dem „die Aktivitäten des Energieverbrauchs abnehmen und die des Energiespeicherns sich verstärken“.
Vor allem wenn wir die Begriffe „Energie“ und „Qi“ analog betrachten, der Symphatikus für das Prinzip Yang (hell, hart, heiß, männlich, Aktivität) steht, der Parasympathikus für Yin (dunkel, weich, kalt, weiblich, Ruhe), ist das im Sinne der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) „die physiologische Basis des Qigong zur Behandlung von Krankheiten und zur Gesunderhaltung“.
Die regulierende Wirkung des Qigong auf das Atmungssystem
Die möglichst vollkommene Synchronisierung der Atmung mit den Bewegungen ist eine der wichtigsten Übungen im Qigong. Währen der Übungen wird die Atmung verlangsamt, der Atemstrom deutlich reduziert. Bei klinischen Untersuchungen wurde beobachtet, dass „die Amplitude der Auf- und Abbewegung des Zwerchfells im Vergleich zum normalen Zustand zwei- bis vierfach vergrößert ist“. Beim In-die-Ruhe-Treten sinkt der Sauerstoffverbrauch, abhängig natürlich von Übungsmethode und Trainingsstand. Sogar bei Übungen im Stehen steigt der Sauerstoffbedarf in der Regel nicht. Die Übenden befinden sich trotz der „Gymnastik“ in einem friedlichen und harmonischen Ruhezustand. Bei der Einatmung wird der Sympathikus physiologisch angeregt und das Yang gestärkt, beim Ausatmen der Parasympathikus und das Yin.
Die regulierende Wirkung des Qigong auf das Herz-Kreislauf-System
Mit der Senkung der Atemfrequenz beim In-die-Ruhe-Treten sinkt auch die Herzfrequenz. In China werden Lungen- und Bluthochdruck-Patienten mit Qigong erfolgreich klinisch behandelt. „Die den Blutdruck senkende Wirkung des Qigong bei Bluthochdruck-Patienten ist völlig eindeutig.“ Erfahrene Übende können den Blutdruck mit Hilfe der Vorstellungskraft und durch Atemtechniken gezielt beeinflussen. Bei Qigong-Übenden wurde beobachtet, dass bei ihnen weiße und rote Blutkörperchen zunehmen und die Phagozytosefunktion, die Fresszellenfunktion, der weißen Blutkörperchen (Leukozyten), und damit die Immunabwehr, gestärkt wird.
Die regulierende Wirkung des Qigong auf das Muskel-Skelett-System
Osteoporose, die vorschnelle Verringerung der Knochendichte, ist eine Volkskrankheit. Qigong, auf gymnastische Aspekte reduziert, dient vor allem der guten Haltung, der Stärkung der Gelenke, dem Aufbau der Muskulatur, Erhalt der Beweglichkeit und durch Widerstandstraining dem Aufbau der Knochendichte. Nach neueren Forschungserkenntnissen sind zum Anregen des Knochenaufbaus nicht unbedingt hohe Kräfte notwendig, die auf den Knochen einwirken. „Viel wichtiger“, so Georg Duda, Direktor des Julius Wolff Instituts für Biomechanik und Muskuloskeletale Regeneration an der Berliner Charité, „scheinen möglichst abrupte Lastwechsel zu sein.“
Qigong-Übungen arbeiten viel mit Lastwechseln, sind schonender als reines Krafttraining, haben dabei eine aber eine vergleichbare Wirkung. Denn über den Trainingseffekt durch Beanspruchung von Muskeln, Gelenken und Knochen hinaus, spielt das Leiten der Vorstellungskraft eine gewichtige Rolle. „Beim Qigong-Training wird besondere Aufmerksamkeit auf die Regulation und Übung von Bewusstsein, Atmung und Körperhaltung gelegt, dabei nehmen insbesondere die Aktivitäten der Vorstellungskraft eine führende Rolle ein.“
Beim Qigong reduziert sich bei Störungen der Halswirbelsäule der Reiz und Druck auf die Arteria vertebralis. Symptome mangelnder Durchblutung des Kopfes, die durch Halswirbelerkrankungen hervorgerufen sind, wie Schwindel, Kopfschmerzen und Tinnitus, können behandelt und gebessert werden. Klinisch wurden gute Wirkungen von regelmäßigen Qigong-Übungen bei Störungen und Erkrankungen der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule beobachtet. Regelmäßige Qigong-Übungen sind eine hervorragende Vorbeugung auch gegen andere Störungen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems.
Quelle: Liu Yafei, Innen Nährendes Qigong – Neiyanggong, München, 2008